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Experten des Klinikums Ingolstadt informieren über Strahlung

Kernschmelze, Atompilze, Verstrahlung und radioaktiv verseuchtes Essen – mit den schrecklichen Bildern der Naturkatastrophe und ihrer noch einmal weit bedrohlicheren atomaren Folgen bei einem möglichen GAU im Atomkraftwerk Fukushima werden auch in Deutschland Ängste geweckt. Erinnerungen an die Katastrophe in Tschernobyl vor 25 Jahren werden wach und mit ihnen Sorgen vor gesundheitlichen Folgen in Deutschland. Wie sehr das Thema auch die Menschen in der Region Ingolstadt beschäftigt, zeigte sich bei einer aktuellen Telefonsprechstunde im Klinikum Ingolstadt. Eine Stunde lang beantworteten mit Prof. Dr. Uwe Cremerius, Dr. Hanno Krieger und Prof. Dr. Andreas Schuck drei Experten in Sachen Strahlung geduldig Fragen der Bevölkerung. Ihr Fazit: kein Grund zur Panik.

 

„Was kann passieren? Was darf ich jetzt noch essen? Ist das dann radioaktiv verseucht?“, fragt eine Anruferin aufgeregt. Aber Prof. Dr. Uwe Cremerius kann Entwarnung geben: „Machen Sie sich da keine Sorgen. Wir sehen kein direktes Risiko, dass Strahlung zu uns gelangt – es sei denn durch Lebensmittel“, so der Direktor des Instituts für Nuklearmedizin im Klinikum Ingolstadt. „Aber Japan exportiert ohnehin kaum Lebensmittel in die EU und nach Deutschland, außer zum Beispiel Thunfisch oder Sojasoße. Ich gehe davon aus, dass in den kommenden Monaten keine Lebensmittel aus Japan importiert werden, und wenn, dann werden sie sorgfältig auf mögliche Strahlenbelastungen kontrolliert“, betont Cremerius, und seine beiden Kollegen in der in einem Besprechungsraum eingerichteten Telefonzentrale nicken zustimmend.

 

Nicht vergleichbar mit Tschernobyl

Immer wieder fragen die Anrufer nach Lebensmitteln. „Ich bin da unsicher, denn Pilze und Wildschweinfleisch sind ja immer noch von Tschernobyl verseucht“, gibt eine weitere Anruferin zu bedenken. Medizinphysiker Dr. Hanno Krieger kann sie beruhigen: „Das ist nicht vergleichbar“, sagt er. Bei Tschernobyl habe es einen Fallout mit dem radioaktiven Isotop Cäsium 137 gegeben. „Das wird im Myzel von Pilzen wie Maronenröhrlingen gespeichert und hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren“, erklärt Krieger. Aber im Falle der Katastrophe von Japan könnten die radioaktiven Stoffe so gut wie gar nicht zu uns gelangen, selbst wenn der Wind ungünstig stehe, sagt er.

 

Da werde nur Panik gemacht. Atomkraftwerke seien doch absolut sicher, behauptet zwischendurch ein Anrufer. So weit wollen die drei Mediziner aber nicht gehen, „wir arbeiten schließlich nicht in einem Atomkraftwerk“, sagt Cremerius. Gefahren bestünden durchaus, wie man ja jetzt in Japan sehe. Der junge Herr am Telefon sollte mit seiner Meinung im Rahmen der einstündigen Telefonsprechstunde alleine bleiben. Die übrigen Anrufer zeigen sich eher besorgt – so wie die nächste Anruferin. Sie will sich auf den Ernstfall vorbereiten und fragt nach der Wirkung von Kaliumiodidtabletten, die im Katastrophenfall zum Strahlenschutz eingenommen werden können. Sie blockieren die Aufnahme von radioaktivem Iod in der Schilddrüse.

 

Sie will es genau wissen: „Wie hoch ist da die Dosis und wie lange halten die Tabletten?“ Die Dosis betrage 65 Milligramm Kaliumiodid, und man müsse als Erwachsener einmalig zwei Tabletten an einem Tag einnehmen – „allerdings nur dann, wenn der deutsche Katastrophenschutz dazu auffordert“, sagt Cremerius. Denn auf der anderen Seite stehe das Risiko einer Schilddrüsenüberfunktion. „Das ist viel größer. Es gibt momentan keine Veranlassung, solche Tabletten zu kaufen und einzunehmen“, sagt Cremerius. Ingolstadt liege in einem erweiterten Risikogebiet: Bei einem atomaren Unfall in den nahegelegenen Atomkraftwerken Isar 1 oder Gundremmingen würden nach einem Notfallplan die Kaliumiodidtabletten an die Haushalte verteilt und die Bürger nach Einnahme für etwa drei bis vier Wochen vor der Verseuchung durch radioaktives Iod geschützt, so Cremerius.

 

Nach einer halben Stunde fragt sie noch einmal nach: ob auch Schwangere die Kaliumiodidtabletten nehmen sollten. „Im Ernstfall und in entsprechender Dosis ja, da auch Kinder gefährdet sind“, empfiehlt Cremerius. Die Frau ist eine alte Bekannte für Hanno Krieger. Er hat sich schon vor 25 Jahren ihren Fragen gestellt, als der radioaktive Fallout aus Tschernobyl durch den Regen und ungünstige Winde auch Deutschland und die Region Ingolstadt erreichte.

 

Nur „Inkorporation“ gefährlich

Als Medizinphysiker im Klinikum untersuchte er damals Tausende von Lebensmittelproben nach radioaktiver Verseuchung und versorgte die Ingolstädter Bevölkerung mit wertvollen Informationen zum Schutz vor verstrahlten Lebensmitteln. Der Medizinphysiker, der bereits Lehrbücher zum Thema geschrieben hat und als echter Experte gelten darf, gibt aber wie seine Kollegen Entwarnung auf ganzer Linie: Das Risiko sei „gleich null“, wenn man nicht kontaminierte Lebensmittel zu sich nehme, sagt er. Nur die Aufnahme in den Körper, die sogenannte „Inkorporation“, sei momentan gefährlich, denn durch die weite Entfernung bestehe keinerlei Gefahr einer „Kontamination“ von außen. Das gelte auch für eine Berufsgruppe, die ohnehin beruflich regelmäßig kosmische Strahlung abbekommt. „Ich bin Stewardess. Ich weiß, dass ich da ohnehin belastet bin“, sagt eine Anruferin. „Besteht die Gefahr einer zusätzlichen Belastung?“ Nein, die Strahlung werde von der Außenhülle des Flugzeugs gefiltert, sagt Krieger. Nur wenn ein verseuchter Passagier sich im Flieger befinde, bestehe eine geringe Gefahr.

 

„Es besteht kein Grund zur Panik“ – da sind sich die drei Experten einig. Japan sei dafür viel zu weit entfernt, sagt Prof. Dr. Andreas Schuck, der Direktor des Instituts für Strahlentherapie und radiologische Onkologie im Klinikum Ingolstadt – selbst für einen Urlaub in Indien. Ein Anrufer will von ihm wissen, ob er seinen lange geplanten Urlaub in Delhi wegen der Gefahr einer radioaktiven Verseuchung absagen soll. „Da hätte ich keine Bedenken. Die Reise brauchen Sie nicht stornieren“, rät Schuck. „Vielen Dank. Dann bin ich ja beruhigt“, sagt der Anrufer erleichtert. Er wird wohl fliegen.

 

Viele Fragen konnten die drei Experten am extra eingerichteten Ratgebertelefon beantworten, viele Unsicherheiten und Fehlinformationen ausräumen. Der Informationsbedarf in der Bevölkerung ist offenbar groß – und auch die Zweifel: „Ich kann nicht recht glauben, dass da keine Gefahr besteht. Wenn der Wind dreht und ins Landesinnere weht ...“, sagt ein älterer Anrufer trotzig. Die Angst vor der unsichtbaren Strahlung und ihren verheerenden Auswirkungen sitzt offenbar tief.


Die drei „Strahlen-Experten“ des Klinikums Ingolstadt, Prof. Dr. Uwe Cremerius, Dr. Hanno Krieger und Prof. Dr. Andreas Schuck (von links) beantworteten die Fragen der Anrufer bei der Telefonaktion.

 

Foto: Klinikum Ingolstadt